|
|
|
Interdisziplinäre klinische Rheumatologie
Kapitel 47, Seite 698-710
G I C H T
Prof. Dr. U. Gresser
47.7 LABOR UND BILDGEBENDE VERFAHREN
Die
Diagnose der Gicht ergibt sich aus der Zusammenschau von Anamnese
einschließlich Familienanamnese, klinischem Bild, Analyse des Harnsäurestoffwechsels,
Röntgendiagnostik der betroffenen Gelenke, Sonographie des Abdomens
(Nieren, Leber, Pankreas) und – in unklaren Fällen – der diagnostischen
Gelenkpunktion.
Ergibt sich aus der Analyse des Harnsäurestoffwechsels (Tabelle
47.2) der Verdacht auf einen Enzymdefekt, so folgt die Analyse der
Enzymaktivität in gewaschenen Erythrozyten. Diese Analysen werden
in Speziallabors, wie z.B. dem Stoffwechsellabor der Hauner-Kinderklinik
in München, durchgeführt.
Laboranalysen
Bei Verdacht auf Gicht empfehlen sich folgende Laboruntersuchungen:
- Harnsäure im Serum und im 24-h-Urin (für die Bestimmung von
renaler Harnsäureausscheidung und Harnsäureclearance), wegen
erheblicher Schwankungsbreite möglichst 3mal durchführen,
- Kreatinin im Serum und im 24-h-Urin (für die Bestimmung der
Kreatininclearance),
- Leberwerte GOT, GPT, GGT, AP (als Hinweis auf einen evtl.
erhöhten Alkoholkonsum),
- Blutzuckertagesprofil und orale Glukosebelastung (als Hinweis
auf einen Diabetes mellitus bei evtl. erhöhtem Alkoholkonsum).
Es ist nicht selten, daß gleichzeitig mit der Hyperurikämie auch
eine Nierenfunktionsstörung diagnostiziert wird. In solchen Fällen
kann man nicht mehr unterscheiden, ob die Gicht primär durch einen
renalen Ausscheidungsdefekt oder sekundär durch eine Niereninsuffizienz
verursacht ist.
Arthro- und Weichteilsonographie
Mit Hilfe der Arthrosonographie kann man Informationen über einen
Gelenkerguß oder Bandrupturen erhalten. Die Weichteilsonographie
ermöglicht die Erfassung der Ausdehnung eines Tophus und seine Abgrenzung
gegenüber zystischen Prozessen oder Rheumaknoten.
Natriumurattophi stellen sich als solide, gemischt echoarme bis
echoreiche Knoten – teils mit dorsalem Schallschatten – dar, Rheumaknoten
sind echoarm ohne Schallschatten.
Abdominelle Sonographie
Die abdominelle Sonographie ist eine sichere Methode zum Nachweis
von Nierensteinen oder Nierenparchenchymschäden. Sonographische
Hinweise auf einen Leberparenchymschaden oder eine chronische Pankreatitis
sind als eventuelles Zeichen eines erhöhten Alkoholkonsums diagnostisch
hilfreich. Bei Verdacht auf ein malignes Geschehen als Ursache der
Hyperurikämie dient die sonographische Untersuchung des Abdomens
der Tumorsuche.
Diagnostische Gelenkpunktion
Meist sind bereits Anamnese, Klinik und die Analyse des Harnsäurestoffwechsels
(s. Tabelle 47.2) so typisch, daß eine Gelenkpunktion nicht erforderlich
ist. Bei unklaren Fällen, v.a. beim 1. Gichtanfall an einem größeren
Gelenk zum Ausschluß einer septischen Arthritis, besteht die Indikation
zur Gelenkpunktion.
Als beweisend für einen akuten Gichtanfall gelten in Leukozyten
phagozytierte Harnsäurekristalle (negative Doppelbrechung im Polarisationsmikroskop,
Abb. 47.11). Freie, nichtphagozytierte Kristalle finden sich auch
bei anderen Gelenkentzündungen und sind diagnostisch ohne Bedeutung.
Tabelle 47.2.
Harnsäurestoffwechsel bei Hyperurikämie unterschiedlicher
Ursache
 |
|
 |
Abb.
47.11.
Natriumuratkristalle im Zytoplasma von polymorphkernigen Leukozyten
im Polarisationsmikroskop
("negative Doppelbrechung") |
Röntgenuntersuchung der Gelenke
Während der Chirurg sich bei Verdacht auf eine Fraktur auf die Röntgendarstellung
des betroffenen Bereichs beschränken kann, muß der Rheumatologe
bei seiner Suche nach kleinsten Veränderungen stets beidseits röntgen.
Das Röntgenbild dient hier nicht nur der aktuellen Diagnose, sondern
ist Bestandteil der Verlaufsbeobachtung. Die Zeichen der Gicht entwickeln
sich langsam und oftmals schmerzlos. So kann das Röntgenbild beim
1. Gichtanfall unauffällig sein oder bereits deutliche gichttypische
Veränderungen am betroffenen Gelenk und an der Gegenseite oder anderen
Gelenken zeigen. Bei der Erstuntersuchung eines Gichtpatienten empfiehlt
sich die röntgenologische Darstellung von Füßen, Händen und Kniegelenken.
Da Natriumurat röntgennegativ ist, sieht man im Röntgenbild nur
indirekte Hinweise auf einen Tophus, wie Defekte (Usuren, Zysten,
s. Abb. 47.6), Verkalkungen oder osteoplastische Periostreaktionen.
Bei schwerer chronischer Gicht sind die Gelenke im Röntgenbild nicht
mehr als solche zu erkennen (s. Abb. 47.10). |