CONTENT AUTHORS CHAPTER 47/GICHT ORDERS FOR THE BOOK
47.1
Definition, Terminologie und Klassifikation
47.2
Epidemiologie
47.3
Ätiologie und Pathogenese
47.4
Histopathologie
47.5
KLINIK
47.6
Verlauf und Prognose
47.7
Labor und bildgebende Verfahren
47.8
Diagnose und Differentialdiagnose
47.9
Therapie und Rehabilitation
Literatur
 

Interdisziplinäre klinische Rheumatologie
Kapitel 47, Seite 698-710
G I C H T
Prof. Dr. U. Gresser

47.5 KLINIK

Bei der Klinik ist die akute Gicht von der chronischen Gicht zu unterscheiden.

Gelenk Häufigkeit (%)
   
Großzehengrundgelenk 50-90
Sprunggelenk und Fußwurzel 5-30
Kniegelenk bis 10
Fingergelenk 3-7
Handgelenk 2-6
Gelenke der kleinen Zehen bis 5
Ellbogengelenk bis 3
Tabelle 47.1
Häufigkeit des Befalls verschiedener Gelenke durch den ersten Gichtanfall


Abb. 47.2.
Akuter Gichtanfall am Großzehengrundgelenk des linken Fußes ("Podagra")



Abb. 47.3.
Akuter Gichtanfall am linken Kniegelenk

  Klinik der akuten Gicht
Der akute Gichtanfall (Arthritis urica) tritt fast immer als plötzliche, hochakute, extrem schmerzhafte Monarthritis mit allen klassischen Entzündungszeichen auf (Calor, Dolor, Tumor, Rubor). Bevorzugte Lokalisation ist das Großzehengrundgelenk ("Podagra"; Abb. 47.2), es kann aber auch jedes andere Gelenk betroffen sein (Tabelle 47.1; Abb. 47.3), wie z.B. in seltenen Fällen der Bereich des Iliosakralgelenkes. Typischerweise tritt der akute Gichtanfall am Morgen nach einer üppigen purinreichen Mahlzeit mit reichlich Alkoholkonsum (schneller Anstieg des Harnsäurespiegels) oder zu Beginn einer harnsäuresenkenden Therapie (schneller Abfall des Harnsäurespiegels) auf. Fast schon pathognomonisch für den akuten Gichtanfall ist seine extreme Schmerzhaftigkeit. Die Verdachtsdiagnose Gicht liegt bereits nahe, wenn ein Patient mit geschwollenem Vorfuß ohne Socken, Schuh oder Verband auf einem Bein in die Praxis gehumpelt kommt.

Der akute Gichtanfall tritt immer als Monarthritis auf. Die Patienten sind durch den extremen Schmerz und die Einschränkung ihrer Mobilität in ihrem Allgemeinbefinden eingeschränkt. Schwere systemische Begleitsymptome, wie z.B. Fieber, sieht man heute nur noch selten bei extremen Krankheitsbildern.

Bei sachgerechter Behandlung ab dem 1. Gichtanfall wird die Gicht asymptomatisch. Wird der Patient nach dem 1. Gichtanfall nicht behandelt, so werden sich die Anfälle in immer kürzeren Abständen wiederholen, entweder am gleichen Gelenk oder mit wechselnder Lokalisation. Dies führt langfristig zum Krankheitsbild der chronischen Gicht mit Gelenkdeformitäten und -zerstörungen, geschlossenen oder aufbrechenden Tophi und zur Schädigung der Nieren.

Klinik der chronischen Gicht
Kennzeichen der chronischen Gicht sind lokale Ansammlungen von Natriumurat, sog. Tophi (Abb. 47.4a, b). Bevorzugt findet man Harnsäuretophi im gelenknahen Knochen, in der Synovialis, aber auch in Schleimbeuteln und Sehnenscheiden. Seltene Manifestationsorte sind andere bradytrophe Gewebe wie Mitral- und Aortenklappe, verschiedene Gewebe von Auge, Augenlidern, Nasenflügeln, Penis, Skrotum, Zunge, Epiglottis, Stimmbändern oder Aryknorpeln.

 
Abb. 47a, b.
49jähriger Patient mit chronischer Gicht seit etwa 20 Jahren, unregelmäßig therapiert, bei renaler Ausscheidungsschwäche für Harnsäure. a Klinisches Bild beider Hände. b Röntgenbild der linken Hand mit gelenknahen Tophi und Zerstörung fast aller Gelenke (Füße dieses Patienten s. Abb. 47.10)


Die früher als typische Frühzeichen deklarierten Tophi an der Helix des Ohres ("Gichtperlen"; Abb. 47.5) finden sich heute nur noch selten.

Abb. 47.5.
Natriumurattophi an der Helix der Ohrmuschel („Gichtperlen“)
 
     
Die Tophi zerstören bzw. verdrängen das normale Gewebe, welches sich bei Auflösung der Tophi durch Therapie als ausgesprochen regenerationsfreudig erweist. Radiologisch scheinbar zerstörte Gelenke regenerieren sich dann erstaunlich oft und gewinnen ihre Funktion wieder. Über die Histologie des Tophus ist wenig bekannt. Auffallend ist die geringe entzündungsartige Reaktion im Bereich der Tophi.

Knochentophi
Knochentophi findet man am häufigsten in den Füßen, in den Händen (Abb. 47.6) oder in den Kniegelenken. Der Knochentophus liegt zunächst subchondral, so daß er im Röntgenbild wie eine Zyste, eine Arrosion von lateral her oder wie eine örtliche Osteoporose aussieht, um so mehr, als ossäre Reaktionen wie osteoarthrotische Randzackenbildungen zunächst nicht entstehen. Erst im Lauf der Zeit wird das Gelenk deformiert und funktionsuntüchtig. Tophi finden sich auch an Gelenken, an denen niemals eine akute Gichtarthritis abgelaufen ist. Dies zeigt, daß die Harnsäureablagerung schmerzlos zu Zerstörungen führen kann, und illustriert eindrücklich die Konsequenzen der chronischen Gicht.

 
Abb. 47.6.
Knochentophi an den Fingern IV und V der linken Hand bei einem 58jährigen Patienten mit langjähriger chronischer Gicht

  Abb. 47.7.
Subkutaner Tophus am Zeigefinger der rechten Hand bei einer 50jährigen Patientin mit Gicht

Subkutane Gicht
Außerhalb der Knochen kommt es häufig, speziell an Händen und Füßen, zu subkutanen Harnsäureansammlungen in der Nähe von Gelenken.

Tophi in der Subkutis können weiß oder weißgelb durch die Haut schimmern (Abb. 47.7). Perforieren solche Tophi, so entsteht ein Gichtgeschwür (Abb. 47.8).
Die weißen Massen, die sich bröckelig oder zähflüssig entleeren, bestehen mikroskopisch aus Nadeln kristalliner Urate. Tophi in Sehnenscheiden und Sehnenansätzen können schmerzhafte Bewegungseinschränkungen bzw. Insertionstendinopathien verursachen.

Komplikationen von Tophi
So harmlos die Harnsäureablagerungen mechanisch gesehen i.allg. sind, so folgenschwer können sie in der Nachbarschaft des empfindlichen Nervensystems sein. Harnsäureablagerungen sind gelegentlich für ein Karpaltunnelsyndrom und in seltenen Fällen für Querschnittsläsionen verantwortlich.

Im Muskel, in der Leber, in der Milz, in der Lunge und im Nervengewebe wurden bislang keine Tophi beschrieben.

Abb. 47.8.
Multiple spontan ulzerierte Tophi an den Fingern („Gichtgeschwür“) bei einem 58jährigen Patienten mit langjähriger, nicht therapierter chronischer Gicht
 
  Abb. 47.9.
Akute (a) und chronisch tophöse (b) Bursitis am Ellbogen bei Gicht
Abb. 47.9.
Akute (a) und chronisch tophöse (b) Bursitis am Ellbogen bei Gicht
 

Bursitis bei Gicht
Gichtpatienten leiden häufig unter Bursitiden, bevorzugt am Ellbogen, welche akut oder chronisch auftreten können (Abb. 47.9).

Nephrolithiasis
Nierensteine aus Natriumurat findet man gehäuft bei Gichtpatienten mit hoher Purinzufuhr oder pathologisch hohem Zellzerfall sowie bei über 80% der Patienten mit einem partiellen oder kompletten HPRTase-Mangel. Natriumuratsteine bei niedrigen Harnsäurewerten sind Hinweis auf eine familiäre Hypourikämie infolge einer pathologischen Erhöhung der renalen Harnsäureausscheidung.

Natriumuratnierensteine sind – wie alle anderen Purinsteine auch – in der Röntgenaufnahme nicht zu sehen ("röntgennegativ"). Die Diagnose erfolgt mit Hilfe der Ultraschalluntersuchung.

Gichtniere
Bei Patienten mit langjähriger Gicht beobachtet man häufig eine Proteinurie und eine Einschränkung der Nierenfunktion. Es ist umstritten, ob dies die Folge der Gicht ("Gichtniere") oder deren spät erkannte Ursache ist.

Parotisschwellung
Patienten mit Gicht haben oft eine beidseitige symmetrische, klinisch asymptomatische Parotisschwellung. Die Ursache ist unklar.

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